30/11/1995



Eine neue Intelligenz des Oikos, des Hauses der Welt, steht im Begriff geboren zu werden. Die Luft, das Wasser und die Energie werden menschliche Angelegenheiten. Die Landschaften und die Dinge des pflanzlichen und tierischen Lebens treffen sich mit denen der städtischen Netze, ebenso wie mit denen der Kontinente des Elends. Die geopolitischen Konfigurationen ändern sich mit hoher Geschwindigkeit, während die Universen der Technowissenschaft, der Biologie, der Computerassistenz, der Telematik und der Medien jeden Tag unsere mentalen Koordinaten weiter destabilisieren. Das Elend der Dritten Welt, der demographische Krebs, das monströse Wachstum und die Entwertung der Stadtgefüge, die schleichende Zerstörung der Biosphäre durch die Verschmutzungen, die Unfähigkeit des aktuellen Systems eine soziale Wirtschaft zu errichten, die den neuen technischen Gegebenheiten angepasst ist, all das müsste dazu beitragen, die Geister, die Sensibilitäten und die Willen zu mobilisieren. Statt dessen wird die Beschleunigung einer Geschichte, die uns vielleicht an Abgründe führt, von einer sensationslüsternen und wirklich banalisierenden und infantilisierenden Bildherstellung verschleiert, die uns die Medien von der Aktualität ausgehend zurecht schneidern.
Die ökologische Krise verweist auf eine allgemeinere Krise des Sozialen, des Politischen und des Existenziellen. Was hier in Frage gestellt wird, ist eine Art Revolution der Mentalitäten, damit sie aufhören einen gewissen Entwicklungstyp gutzuheißen, der auf einem Produktionswahn gründet, der jegliche menschliche Finalität verloren hat. Also stellt sich wieder quälend die Frage: Wie die Mentalitäten ändern, wie soziale Praktiken erfinden, die der Menschlichkeit den Sinn von Verantwortlichkeiten wiedergäben, wenn sie ihn denn einmal hatte? Nicht nur in Anbetracht des eigenen Überlebens, sondern ebenso der Zukunft allen Lebens auf diesem Planeten, dessen der tierischen und pflanzlichen Arten, wie dessen der unkörperlichen Gattungen wie der Musik, der Künste, des Kinos, des Bezugs zur Zeit, der Liebe und des Mitgefühls für den anderen sowie des Gefühls der Verschmelzung im Schoße des Kosmos. Sicherlich muss man Mittel der kollektiven Abstimmung und Aktion herstellen, die einer historischen Situation angepasst sind, die die alten Ideologien, sozialen Praktiken und traditionellen Politiken radikal entwertet hat. Beachten wir hierbei, dass man nicht ausschließen kann, dass Instrumente der Informatik zur Erneuerung solcher Mittel der Erarbeitung und der Intervention beitragen. Aber es werden nicht sie an sich sein, die die schöpferischen Funken zünden und die Kerne einer Bewusstwerdung erzeugen werden, die fähig ist konstruktive Perspektiven aufzuweisen. Von fragmentarischen Unternehmungen, von manchmal prekären Initiativen und von tastenden Experimenten ausgehend, beginnen sich neue kollektive Aussageverkettungen zu suchen; andere Arten die Welt zu sehen und zu machen, andere Arten zu sein und Seinsweisen an den Tag zu legen, werden sich bieten müssen, die imstande sind sich mit Blut zu versorgen, sich gegenseitig zu bereichern. Es geht weniger darum, in völlig neue kognitive Sphären zu gelangen, denn zu fürchten und - auf pathische Arten – existentiell mutierende Virtualitäten zu erschaffen.
Diese Berücksichtigung der subjektiven Faktoren der Geschichte und der Sprung ethischer Freiheit, den die Aufwertung einer wirklichen Ökologie des Virtuellen mit sich bringt, implizieren überhaupt keinen Rückzug auf sich (Typ transzendentale Meditation) oder eine Absage ans politische Engagement. Im Gegenteil erfordern sie eine Wiederbegründung der politischen Praktiken.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Einfluss der Wissenschaft und der Techniken auf die entwickelten Gesellschaften von einer ideologischen, sozialen und politischen Bipolarisierung zwischen den progressiven, in ihrem Verständnis des Staates häufig jakobinischen Strömungen und den konservativen, ein Festhalten an den Werten der Vergangenheit befürwortenden, Strömungen begleitet. Im Namen der Aufklärung, der Freiheiten, des Fortschritts und dann der Arbeiteremanzipation konstituierte sich so eine Links-Rechts-Achse als Art Basisreferenz. Heute sind die Sozialdemokratien, wenn nicht zum Liberalismus, so zumindest zum Primat der Marktwirtschaft konvertiert, während das allgemeine Scheitern der internationalen kommunistischen Bewegung einen der extremen Terme dieser Bipolarität in gähnender Leere hinterlassen hat. Muss man unter diesen Umständen denken, dass eben diese dazu angehalten ist zu verschwinden, wie die Parole gewisser Ökologiebewegter, „weder links, noch rechts“, verkündet? Ist nicht das Soziale selbst, da es eine Attrappe ist, dazu aufgerufen sich aufzulösen wie gewisse Verfechter des Postmodernismus bekräftigt haben? Entgegen diesen Positionen denke ich, dass sich eine progressive Polarisierung quer durch komplexere Schemen rekonstruieren müsste – gemäß weniger jakobinischer, stärker föderalistischer, stärker dissensueller Modalitäten, in Beziehung zu denen sich die verschiedenen Aufgüsse des Konservatismus, des Zentrismus, sogar des Neofaschismus rekonstruieren werden. Die traditionellen Parteiformationen sind zu stark mit den verschiedenen staatlichen Zahnrädern vermischt, um von heute auf morgen aus den Systemen parlamentarischer Demokratie zu verschwinden. Und dies trotz ihres offensichtlichen Ansehensverlusts, der sich in eine wachsende Unbeliebtheit des Wahlgangs übersetzt, ebenso wie in einen überdeutlichen Überzeugungsmangel seitens der Bürger, die weiterhin wählen gehen. Es ist klar, dass, worum es politisch, sozial und wirtschaftlich geht, immer mehr den elektoralen Wettkämpfen entgleitet, die häufig zu großen massen-medialen Manövern herabsinken. Eine gewisse Form der „Politiker-Politik“ scheint gehalten, sich angesichts eines neuen Typs sozialer Praxis aufzulösen, der sowohl den lokalsten Fragestellungen wie den planetarischen Problemen unserer Epoche besser angepasst ist. Mit der ökologischen Problematik wird die Frage der Frage gestellt! Es gibt eine soziale Frage, die heute neue Formen annimmt, es gibt eine urbane Frage, eine Frage nichterneuerbarer Energien, eine geopolitische Frage, eine demographische Frage. Die Frage der Frage ist, wie sich diese Fragen in einem prozessualen Sinn in Richtung auf einen schöpferischen Ausgang artikulieren; auch, wie ein komplexes, heterogenes Universum und eine Konstellation von Werte-Universen gewisse Verheißungen darstellen (können): das Universum des umweltbezogenen Polytheismus (Flüsse, Fische, Bäume, etc.), die urbane Konstellation der Sozialitätsnetze, das politische Universum der lokalen Kollektivitäten, der Ausdruck einer tiefgehenden Verweigerung angesichts der Krise der politischen Formen, die Öffnung auf kommunikative Verkettungen und auf eine mondiale Dimension.
Hat es Sinn, die urbane Frage und die ethische Frage auszusprechen? Kann man die Frage bearbeiten? – Frage der Praxis. Das Problem bleibt gestellt und daher stammt die totale Ambiguität der ökologischen Frage. Wenn man aus ihr eine natürliche Frage macht, riskiert man die Arten der Infragestellung auf die Bahnen des Totalitarismus zu verfrachten. Aber gleichzeitig stellen sich quer durch die ökologische Frage andere Fragen.
Die Linke und die Arbeiterbewegung schufen sich auf der Grundlage der sozialen Frage – derjenigen des Elends. In gewissem Maß bleibt dieses Kapitel heute nur im Antagonismus mit der Dritten Welt aufgeschlagen. Was wird heute der Faktor der Endlichkeit, der existentiellen Angst sein? Sie verläuft heute über die Endlichkeit der Biosphäre, und diese Behandlung der Endlichkeit führt eine Verbindung mit der Sorge der Dritten Welt, der Armut, der anderen Seite des Limes ein. Die Ökologie stellt eine Gefahr des Totalitarismus dar, aber ebenso einen außergewöhnlichen Hebel für soziale Praktiken und diverse – mentale, soziale, ethische – Infragestellungen.
Sie kann zu einer Dezentrierung der Subjektivität führen. In diesem Dispositiv sind die von Actuel stigmatisierten „grünen Khmer“ durch ihre Verblendung ein essentielles Element des Hebels: wenn man für den Dissens ist, muss man die Mehrdeutigkeit der Grünen akzeptieren. Es ist ebenso verblüffend festzustellen, wie sehr sich die französische Umweltbewegung in ihren verschiedenen Teilen unfähig erwiesen hat, Basisinstanzen ins Leben zu rufen. Sie hat sich völlig einem Diskurs umweltbezogener oder politischer Ordnung gewidmet. Wenn Sie die Ökobewegten befragen, worauf sie setzen um den Clochards ihres Viertels zu helfen, so antworten sie im Allgemeinen, dies falle nicht in ihre Zuständigkeit. Wenn Sie fragen, wie sie ihren sektiererischen Praktiken und einem gewissen Dogmatismus zu entkommen gedenken, so erkennt eine Anzahl von ihnen die Wohlbegründetheit der Frage an, ist aber um Antworten verlegen! Dies, obwohl heute in Wahrheit das Problem für sie nicht mehr darin besteht, sich in gleicher Distanz zur Linken und Rechten zu positionieren, sondern dazu beizutragen, eine progressive Polarität wiederzuerfinden, die Politik auf anderen Grundlagen wiederzubegründen, transversal das Öffentliche und das Private, das Soziale, das Umweltbezogene und das Mentale neu zu artikulieren. Um in diesem Sinn voranzukommen, müssen neue Arten der Abstimmungsinstanzen, der Analyse, der Organisation experimentell versucht werden – vielleicht zuerst auf niedriger Stufenleiter und anschließend in größerem Umfang. Wenn sich die Ökologiebewegung, die sich in Frankreich in hoffnungsvollem Licht zeigt, nicht daranmacht, diese Aufgabe der Wiedererrichtung militanter Instanzen, in einem völlig neuen Sinn, d.h. kollektiver Verkettungen der Subjektivierung, anzugehen, dann wird sie, daran ist nicht zu zweifeln, das Vertrauenskapital, das sie in sich gesteckt sieht, verlieren, da die technischen und assoziativen Aspekte der Ökologie von den traditionellen Parteien und der Staatsmacht vereinnahmt werden. Die ökologische Bewegung müsste sich meiner Meinung nach vorrangig seiner eigenen sozialen und mentalen Ökologie annehmen.
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